Manchmal reicht ein Geräusch, ein Geruch, eine Melodie – und zack, bist du wieder irgendwo. Bei mir ist das “Escape” – The Piña-Colada-Song von Rupert Holmes. Sobald ich den irgendwo höre, bin ich sofort wieder bei der Familie Mierisch in Nicaragua.
Kurzer Flashback: Zum ersten Mal treffe ich Erwin Mierisch II 2009 am Cupping-Tisch beim Cup of Excellence in Costa Rica – mein erster CoE überhaupt. Ich weiß noch genau, wie beeindruckt ich war, wie Erwin die Kaffees schlürft. Thomas und Erwin kennen sich da schon aus früheren Wettbewerben. 2016 bin ich dann das erste Mal selbst in Nicaragua – und ehrlich: ich war sofort komplett begeistert - von den Farmen und von der Gastfreundschaft der Familie Mierisch. Der mehrstündige Ausritt über Los Placeres mit Erwin und Eliane, die klare Luft auf El Suspiro, die Tour mit Doc Mierisch auf der Ladefläche des Trucks über Mama Mina, das Picknick am Wasserfall von El Limoncillo mit eiskaltem Victoria-Bier und diese entspannten Abende vorm TV – sind für mich unvergessen.

Im Februar 2019 sind wir 15 Tage in Mittelamerika unterwegs – und natürlich führt uns der Weg wieder nach Nicaragua, ins Haus der Familie Mierisch nach Matagalpa. Den ersten Tag nach unserer Ankunft verbringen wir auf der Beneficio. Die Produktion läuft auf Hochtouren: Soweit das Auge reicht, trocknet Kaffee – auf Patios, im Greenhouse, auf Raised Beds.

Wir verkosten neue Kaffees und bringen uns auf den neuesten Stand. Auf dem Cupping-Tisch: 8 Washed, 8 Pulped Naturals, 12 Naturals – dazu ein paar „funky coffees“. Einige dieser crazy Coffees hatten wir schon in unserem Lab in Hamburg. Aber dank Doc Mierisch verstehen wir jetzt noch besser, wie genau diese verarbeitet wurden.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker brutal früh. Um 5:30 Uhr brechen wir in Matagalpa auf und fahren über kaputte Straßen Richtung Jinotega, etwa eine halbe Stunde von der Beneficio entfernt. Erster Stopp: La Escondida. Es ist merklich kühler, alles wirkt grüner, fast mystisch. Der Lake Apanás liefert Elektrizität, und ein System rund um „Ojo de Agua“ sorgt für Bewässerung. Hier wächst unter anderem Laurina – eine Varietät mit natürlich niedrigem Koffeingehalt.

Danach geht es weiter zur Finca San José. Auf 1.250–1.400 Metern wachsen hier u. a. Javanica, aber auch Caturra und Pacamara. Es gibt drei bis fünf Picking-Runden, und wir kommen genau richtig, um zu sehen, wie Erntehelfer:innen die Kirschen abliefern.

Unterwegs halten wir immer wieder an, schauen uns die Ernte an und entdecken spannende Varietäten, die überall auftauchen wie kleine Schätze: Yellow Pacas, Orange Bourbon, Yellow Caturra, Orange Pacas.

Später fahren wir zur Finca Las Delicias. Hier wachsen Geisha, Bourbon und Yellow Pacamara – und auch wieder viele bunte Blumen. Zu Fuß geht es weiter, der Aufstieg wird belohnt mit einem spektakulären Ausblick.

Wir bleiben bis zum Sonnenuntergang. Danach feiern wir den 27. Geburtstag von Erwin Mierisch III. – mit großartigen Kaffees, Geburtstagskuchen und Helbing, den wir mitgebracht haben. Eine Kombi, die besser funktioniert, als man denkt.

Wir haben noch einen Tag in Matagalpa: cuppen noch mal, schauen uns das Kühlhaus mit den anaeroben Prozessen an, probieren weiter. Und dann heißt es Abschied nehmen. Am nächsten Tag fahren wir Richtung Honduras – um 9:50 Uhr sind wir an der Grenze, eine Stunde später auf der anderen Seite. An der Puma-Tankstelle sind wir mit Marysabel & Moisés verabredet - von hier aus geht es weiter zur Finca El Puente.

Seit 2010 arbeiten wir vertrauensvoll mit der Familie Mierisch und ihrem Team zusammen. Sie steht für Innovation und Perfektion, aber auch für Verantwortung: Die Familie kümmert sich um die Gemeinschaft, unterstützt die Kinder der Mitarbeiter:innen und auf den Farmen wird erneuerbare Energie, u. a. Wasserkraft, genutzt. Gleichzeitig wird ständig weitergedacht: Fermentationen bei niedriger Temperatur im Kühlraum, Trocknungsstrategien, neue Raised Beds – alles mit dem Anspruch, Qualität Jahr für Jahr reproduzierbar zu machen. Oder wie Dr. Mierisch es sinngemäß sagt: „Mother nature can only take us so far – the rest is up to us“.
Über Kaffee hinaus ist eine Freundschaft entstanden – generationenübergreifend, getragen von Respekt, Humor und einem gemeinsamen Qualitätsverständnis. Für uns ist die Familie Mierisch der lebendige Beweis, dass Direkthandel mehr sein kann als ein Einkaufsmodell: eine Beziehung, die wächst. Als wir Nicaragua verlassen und Richtung Honduras aufbrechen, bleibt dieses Gefühl: Wir nehmen nicht nur Samples und Notizen mit. Wir nehmen Geschichten mit. Bilder und einen Song, der plötzlich wieder im Kopf läuft. Danke, liebe Familie Mierisch und Team. Matagalpa fühlt sich jedes Mal ein bisschen wie Zuhause an.
Blogpost by Annika

